In den letzten Jahren haben viele kleine und mittlere Unternehmen den Weg der Digitalisierung eingeschlagen – mit der berechtigten Erwartung, effizienter, kontrollierter und schneller zu arbeiten. Die Versprechen der Digitalisierung waren klar: Prozesse vereinfachen, manuelle Tätigkeiten reduzieren, besseren Zugang zu Daten ermöglichen. Doch im Arbeitsalltag blieben die Ergebnisse oft hinter den Erwartungen zurück.
Viele Organisationen fanden sich in einer paradoxen Lage wieder: mehr Tools im Einsatz, mehr Prozesse zu befolgen, mehr Daten zu analysieren… aber weniger Übersicht. Anstatt zu vereinfachen, hat Digitalisierung häufig zusätzliche Komplexität geschaffen, sowohl operativ als auch in der Entscheidungsfindung.
Das Problem war dabei nie die Technologie an sich. Es entsteht, wenn digitale Entscheidungen reaktiv getroffen werden – voneinander losgelöst, getrieben von kurzfristigen Bedürfnissen statt einer übergeordneten Vision. Es werden Tools angeschafft, aber kein System gebaut. So wird die digitale Transformation zum bloßen Sammelsurium technischer Lösungen, jedoch ohne Orchestrierung.

Inhalt
Die Falle des „neuen Tools“
In vielen KMU verläuft der digitale Wandel schrittweise. Eine Software für die Buchhaltung, ein CRM fürs Kundenmanagement, ein ERP für die Produktion, eine Plattform fürs Marketing, ein Tool zur Zugangskontrolle. Jede Entscheidung entsteht aus einem konkreten Bedarf, jeder Anbieter liefert eine passende Lösung.
Alles scheint sinnvoll, alles scheint zu funktionieren. Doch was fehlt, ist die Verbindung zwischen den Teilen. Tool für Tool entsteht ein fragmentiertes Ökosystem: Jedes Team arbeitet mit anderen Plattformen, jeder Ablauf erfordert manuelle Zwischenschritte, jede Entscheidung basiert auf Extraktionen, Vergleichen und Anpassungen. Die Zeit, die eigentlich eingespart werden sollte, fließt in die Verwaltung der Tools selbst.
Nicht selten sind gerade die digitalisiertesten Unternehmen (gemessen an der Anzahl eingesetzter Tools) auch jene, in denen Mitarbeiter:innen einen organisatorischen Overload empfinden. Denn wenn jedes Tool isoliert agiert, wird Technologie nicht zur Entlastung – sondern zur Belastung.
Digitale Fragmentierung ist Entscheidungsfragmentierung
Einer der kritischsten Effekte fehlender Integration ist der Vertrauensverlust in Daten. Wenn Zahlen aus unterschiedlichen Systemen nicht übereinstimmen, Informationen doppelt oder schwer vergleichbar sind, und es keine „Single Source of Truth“ gibt, verlagert sich die Entscheidungsfindung zwangsläufig.
Das Management verlässt sich wieder auf Erfahrung, Bauchgefühl, Intuition. Nicht weil es keine Reports gibt – sondern weil diese keine gemeinsame Sprache sprechen. Technologische Fragmentierung führt zu Informationsfragmentierung. Und diese untergräbt die Qualität strategischer Entscheidungen.
So wird die Digitalisierung, die eigentlich Entscheidungen unterstützen sollte, zur zusätzlichen Hürde. Sie wird weitergenutzt – weil sie Teil des Alltags geworden ist – aber mit wachsendem Misstrauen. Die Gefahr ist offensichtlich: Der digitale Raum wird nicht mehr als Verbündeter gesehen, sondern als eine Vielzahl von Tools, die „irgendwie funktionieren“ müssen.
Digital als System denken
Um diese Dynamik umzukehren, braucht es keinen Komplettaustausch der Tools – sondern einen Perspektivwechsel. Digital als System zu denken bedeutet, sich vor jeder Tool-Entscheidung zu fragen: Welche Prozesse wollen wir vereinfachen? Welche Entscheidungen sollen verbessert werden? Welche Informationen müssen für wen zugänglich sein?
Im Mittelpunkt steht das Funktionieren der Organisation und genau darum herum wird eine kohärente Infrastruktur gebaut, die den Arbeitsalltag unterstützt, ohne neue Reibungspunkte zu erzeugen.
Ein Tool ergibt nur Sinn, wenn es auf einen klar definierten Bedarf antwortet. Und vor allem: wenn es sich in ein bestehendes System integrieren lässt, ohne neue Insellösungen zu schaffen. Wenn Digitalisierung als System gedacht wird, entsteht Kontinuität, Verbindung, Wachstum. Es ist nicht die Summe der Tools, die Wert schafft. Es ist die Logik, die sie verbindet.
Erst die Strategie, dann die Tools
Ein häufiger Fehler: Die Verantwortung für digitale Probleme wird der IT-Abteilung überlassen – oft, nachdem operative Entscheidungen bereits gefallen sind. Doch IT kann nicht ersetzen, was an strategischer Klarheit fehlt.
Auch die beste Software bleibt in einem unvorbereiteten Umfeld, ohne klare Prozesse und gemeinsame Ziele untergenutzt oder erzeugt neue Komplexität. Deshalb beginnt der richtige Weg an der Spitze.
Zuerst werden Ziele definiert. Dann wird überlegt, wie die Organisation funktionieren muss, um diese zu erreichen. Erst danach wird entschieden, welche Tools diesen Ablauf sinnvoll, skalierbar und nachhaltig unterstützen können. Strategie ist kein Bremsklotz für Digitalisierung – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Technologie echten, langfristigen Wert schafft.
Eine einfache, aber essentielle Governance
„Digitale Governance“ ruft oft Missverständnisse hervor: Man denkt an Bürokratie, Policies, Genehmigungsprozesse. In Wahrheit ist gute Governance das Gegenteil. Sie schützt vor wildem Tool-Wachstum, impulsiven Entscheidungen und schädlichen Überschneidungen.
Es braucht eine Steuerung, die Prioritäten setzt, Kriterien für neue Technologien definiert und für Konsistenz zwischen Prozessen und Tools sorgt. Diese Verantwortung darf nicht vollständig an Dienstleister oder die IT delegiert werden. Sie liegt beim Management als Teil seiner Führungsaufgabe. Eine wirksame Governance ist schlank, aber klar. Sie verlangsamt nicht: Sie schafft Orientierung. Sie belastet nicht, sondern bringt Ordnung.
Digitale Reife: Integration vor Innovation
Der häufigste Fehler in digitalen Transformationsprozessen: mit Innovation zu starten. Die neueste Lösung, das modernste Tool, der nächste Trend. Doch wenn das System, in das sie eingeführt werden, nicht bereit ist, scheitert selbst die vielversprechendste Technologie.
Erfolgreiche Unternehmen sind nicht zwingend jene mit der modernsten Software – sondern jene mit einem funktionierenden System: Daten fließen, Zuständigkeiten sind klar, Prozesse greifen ineinander.
In diesem Sinne ist Digitalisierung kein Sprung, sondern ein Weg. Ein Prozess, der bei der Integration des Bestehenden beginnt, mit organisatorischer Klarheit und der Fähigkeit, Technologie und Strategie auszurichten. Innovation kommt nicht zuerst. Sie ist das Ergebnis eines Systems, das funktioniert.
Fazit: Digitalisierung vereinfacht nicht von selbst
Für viele KMU war die Digitalisierung über Jahre hinweg ein starkes Versprechen: effizienter, schneller, ressourcenschonender arbeiten. Doch inzwischen ist klar: Neue Tools allein bringen keine neuen Ergebnisse.
Ohne gemeinsame Vision, ohne kohärentes System, ohne klare Steuerung fügt jede Technologieentscheidung potenziell neue Komplexität hinzu. Genau hier liegt der Unterschied zwischen „Digitalisierung“ und „digitaler Transformation“: Ersteres betrifft die Mittel, letzteres den Sinn. Digital erzeugt erst dann echten Mehrwert, wenn es eine klare Richtung gibt. Dann wird es zum Enabler, zur Vereinfachung, zur Unterstützung des Wachstums.
Die entscheidende Frage ist nicht: „Wie viele Tools nutzen wir?“ Sondern: „Helfen diese Tools unseren Menschen wirklich, besser zu arbeiten, bewusster zu entscheiden und nachhaltigen Wert zu schaffen?“ Denn wenn Digitalisierung funktioniert, sieht man sie nicht. Man spürt sie.









